{"id":81,"date":"2018-02-18T14:25:42","date_gmt":"2018-02-18T13:25:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hanna-dunkel.de\/blog\/?page_id=81"},"modified":"2018-02-22T13:21:32","modified_gmt":"2018-02-22T12:21:32","slug":"leseprobe-sommervogel","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.hanna-dunkel.de\/blog\/?page_id=81","title":{"rendered":"Leseprobe &#8211; Sommervogel"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>1.<br \/>\nNew York, Januar 1912<\/p>\n<p style=\"font-family: Merriweather; font-size: 16px; font-style: normal; font-variant-caps: normal; text-indent: 0px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-23\" src=\"https:\/\/www.hanna-dunkel.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Sommervogel.jpg\" alt=\"Sommervogel\" width=\"141\" height=\"211\" \/><\/p>\n<p>Der Januar war der k\u00e4lteste Monat in New York. Wenn die Feuchtigkeit vom Atlantik kam, gab es h\u00e4ufig Schneest\u00fcrme, so wie zum Anfang des Jahres. Als sie aus der Vorstellung kamen, schneite es wieder. Nikoline blieb unter dem Vordach der Metropolitan Opera stehen und sah Antonio nach, der lief, um sein Automobil zu holen. Schon nach kurzer Zeit war seine Gestalt hinter dicht fallenden Flocken verschwunden.<\/p>\n<p>Eine Kutsche nach der anderen fuhr vor, immer mehr Besucher dr\u00e4ngten aus dem Opernhaus und mussten warten, weil der bestellte Wagen noch nicht kam. Zwischen den Herren mit Zylindern und Damen, die ihre ausladenden H\u00fcte festhalten mussten, war Nikoline kaum zu sehen. Sie war ja wirklich eine kleine Schneiderin mit ihren Einsneunundf\u00fcnfzig. Immerhin gab die Menge ihr einen gewissen Windschutz.<\/p>\n<p>Sie hatte bisher zwei schneereiche Winter in dieser Stadt erlebt, und die waren weitaus strenger als die in Deutschland gewesen. Doch auch damals in Prisdorf waren sie einige Tage eingeschneit gewesen. Und dann in Delitzsch! Sie sch\u00fcttelte sich und zog den Pelzkragen h\u00f6her. Nicht daran denken. Das war so t\u00f6dlich wie ein Blick in die verbotene Kammer des Ritters Blaubart.<\/p>\n<p>Jetzt fuhr der schwarze Fiat vor, das Dach und die lange Motorhaube waren schneebedeckt. Alle um sie herum reckten die H\u00e4lse: das neueste Modell! Antonio stieg aus, ging um das Fahrzeug herum, entdeckte sie und hielt ihr mit einem L\u00e4cheln die Wagent\u00fcr offen. Man drehte sich um, man machte ihr Platz. Einen Moment lang genoss sie das Gef\u00fchl, von allen Damen um diesen Kavalier beneidet zu werden, dann stieg sie ein, mit Grazie, trotz Hut und wallendem Mantel.<\/p>\n<p>Antonio fuhr langsam. Die Scheiben waren beschlagen. Er wischte mit einem Tuch ein Sichtfeld frei. Sie starrten durch die Frontscheibe in das Schneegest\u00f6ber und erkannten gerade nur das Licht der n\u00e4chsten Gaslaterne. So kamen sie immerhin nicht von der Stra\u00dfe ab. Seinen Fiat hatte er erst vor wenigen Tagen am Hafen in Empfang genommen und war noch nicht mit dessen Eigenheiten vertraut. Autos faszinierten ihn. Er liebte den Geruch von Motor\u00f6l und Benzin. Das war f\u00fcr ihn die Zukunft. Nikoline, die sich manchmal \u00fcber seine Leidenschaft f\u00fcr die neuesten Maschinen am\u00fcsierte, war nun doch froh, in diesem geschlossenen Blechkasten zu sitzen. Dem konnte das Wetter weniger anhaben als den bedauernswerten Pferden und Kutschern.<\/p>\n<p>Antonio war in New York aufgewachsen und kannte sich gut aus. Nikoline wusste bald nicht mehr wo sie sich befanden. Doch als der Wagen endlich hielt, standen sie gerade vor ihrem kleinen Schneideratelier, mit dem neuen Schriftzug auf der Schaufensterscheibe: Niky\u2019s Sartoria.<\/p>\n<p>Sie atmete seufzend aus, denn nun kam der Moment des Abschieds. Antonio musste f\u00fcr einige Monate gesch\u00e4ftlich nach Europa. &#8222;Im April, wenn wir uns wiedersehen, wird schon Fr\u00fchling sein&#8220;, sagte sie, &#8222;das hei\u00dft, es gibt dann doppelten Grund zur Freude.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Drei Monate \u2013 Niky, ich werde dich vermissen.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ja, so lange waren wir noch nie getrennt \u2013 ich werde viel Zeit f\u00fcr meine Kundinnen haben.&#8220; Sie l\u00e4chelte ihm zu, sie wollte keine Traurigkeit beim Abschied.<\/p>\n<p>&#8222;Hat dir Tosca gefallen?&#8220;, wollte er wissen.<\/p>\n<p>&#8222;Ich habe es genossen&#8220;, sagte sie. &#8222;Danke f\u00fcr den sch\u00f6nen Abend. Pucchinis Musik ist wundervoll!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Als Cavaradossi e lucevan le stelle gesungen hat, habe ich Tr\u00e4nen bei dir gesehen.&#8220; Er summte ein paar Takte.<\/p>\n<p>&#8222;Es ist nur die Musik und die Leidenschaft darin \u2013 ich wei\u00df nicht einmal genau, wovon er gesungen hat. So gut ist mein Italienisch noch nicht.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Cavaradossi erinnert sich an die erste Liebesnacht mit Tosca&#8220;, erkl\u00e4rte er. &#8222;Er singt von den blitzenden Sternen und dem Duft in der Nacht, als sie sich begegneten.&#8220; Antonio seufzte. &#8222;Dann singt er, dass er das Leben noch nie so geliebt hat \u2013 denn er wei\u00df, dass er durch Verrat sterben wird.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Oh, ich verstehe! Das ist wirklich alles in der Musik. Sie hat mich \u2013 ja, in den Himmel getragen \u2026 Ging es dir nicht auch so? Da flie\u00dfen Tr\u00e4nen, auch wenn man es nicht will.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Pucchini ist ein Meister. Und so sind wir Italiener, zumindest glauben wir das. Gro\u00dfartig, leidenschaftlich, dramatisch, eifers\u00fcchtig \u2013 und wir lieben das Leben.&#8220; Er nahm ihre Hand in seine H\u00e4nde.<\/p>\n<p>Nikoline sah ihn schmunzelnd an. Dass er von sich sagte, er sei Italiener, obwohl er hier geboren worden war, erstaunte sie immer. Aber vielleicht dauerte es in einer italienischen Familie ein paar Generationen. Sie selbst hatte ihr Deutschsein wie eine alte Haut abgestreift und war froh, dass keiner sie mehr Nikoline Brinkmann nannte. Auch f\u00fcr ihre Kundinnen hier in Italien Harlem war sie Niky Sartori, die Schneiderin.<\/p>\n<p>&#8222;Unsere erste Liebesnacht war auch ein Drama&#8220;, erinnerte sie ihn verschmitzt l\u00e4chelnd.<\/p>\n<p>Er lachte. &#8222;Ja, ich k\u00f6nnte von einer Nacht auf dem st\u00fcrmischen Atlantik singen und von einer sch\u00f6nen Frau, die aus Angst vor dem Schiffsuntergang in meine Arme sank!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Du hattest mir erz\u00e4hlt, dass die Deutschland vor Jahren im Sturm eine ihrer beiden Schiffsschrauben verloren hatte und dazu auch noch einen Teil ihres gusseisernen Hecks. Das machte mir wirklich Todesangst.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Das war die Wahrheit! Aber ich bin dem Sturm dankbar, denn er hat uns zusammengef\u00fchrt.&#8220;<\/p>\n<p>Sie nickte. &#8222;Ohne Sturm w\u00e4ren wir uns nie begegnet, denn die Erste und die Zweite Klasse trennen Welten.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Auf einem Schiff&#8220;, sagte er ernst, &#8222;aber nicht in Amerika.&#8220;<\/p>\n<p>Sie l\u00e4chelte in sich hinein. Er hatte es nie anders erlebt.<\/p>\n<p>&#8222;Niky&#8220;, sagte er, &#8222;mir ist in diesen Tagen klar geworden, dass ich nicht mehr ohne dich leben m\u00f6chte.&#8220; Er dr\u00fcckte ihre Hand und sah ihr in die Augen. &#8222;M\u00f6chtest du meine Frau werden?&#8220;<\/p>\n<p>Sie schaute ihn erschreckt an.<\/p>\n<p>&#8222;Du w\u00fcrdest mich auf meinen Gesch\u00e4ftsreisen begleiten, nach Florenz und Rom, Bordeaux und Paris, wir w\u00e4ren immer zusammen \u2026 \u2013 Mama sagt auch, wir sollen heiraten.&#8220;<\/p>\n<p>Sie zog ihre Hand weg. Heiraten! Warum das? Es war doch gut miteinander, harmonisch, unkompliziert, so \u2026 ach! Ihre Kehle war wie zugeschn\u00fcrt.<\/p>\n<p>Er stie\u00df sie an. &#8222;Was ist? Keine Begeisterung? Magst du mich nicht? Oder hast du einen anderen lieber?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Man heiratet doch nur, um eine Familie zu gr\u00fcnden \u2026 Im Mai werde ich vierzig \u2013 nein, nein, ich m\u00f6chte keine Kinder haben&#8220;, brachte sie endlich heraus.<\/p>\n<p>&#8222;Niky, wir haben gen\u00fcgend Nachwuchs in der Familie, lauter Nichten und Neffen. Du kennst sie, und alle lieben dich.&#8220;<\/p>\n<p>Sie seufzte. Ja, auch sie liebte alle, die ganze fr\u00f6hliche Familie, sogar seine Mama. &#8222;Reicher Mann heiratet armes M\u00e4dchen \u2013 ich sehe schon die Schlagzeilen&#8220;, beharrte sie und sch\u00fcttelte den Kopf.<\/p>\n<p>&#8222;Das ist mir vollkommen gleichg\u00fcltig&#8220;, betonte er, &#8222;sollen die Zeitungsleute schreiben, was sie wollen. Ein paar Tage sp\u00e4ter haben sie ein anderes Thema.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Nein&#8220;, sagte sie bestimmt, &#8222;die Reporter w\u00fcrden wissen wollen, wer das Herz des Antonio Mancino erobert hat, und sie w\u00fcrden dahinter her sein, bis sie es ganz genau w\u00fcssten. Verzeih mir, aber ich kann dich nicht heiraten.&#8220;<\/p>\n<p>Er sah sie erstaunt an. &#8222;Warum nicht?&#8220;, fragte er mit rauer Stimme.<\/p>\n<p>Ihr stiegen die Tr\u00e4nen in die Augen. &#8222;Ich \u2026 ich kann es dir nicht erkl\u00e4ren. Nicht jetzt, lass mir bitte etwas Zeit.&#8220;<\/p>\n<p>Er bet\u00e4tigte den Scheibenwischer, starrte ins Schneetreiben und schwieg eine ungem\u00fctliche Weile. Dann wandte er sich ihr wieder zu, und in seinen dunklen Augen blitzte es. &#8222;Gut&#8220;, sagte er, &#8222;wenn ich aus Europa zur\u00fcck bin, erwarte ich deine Antwort.&#8220; Er zog sie an sich und k\u00fcsste sie hart. &#8222;Ich glaube, ich habe eine ehrliche Antwort verdient!&#8220;<\/p>\n<p>Sie konnte nur noch stumm nicken, \u00f6ffnete die Wagent\u00fcr, raffte ihren Mantel, stieg aus und schlug die T\u00fcr zu. Kalt fielen die Schneeflocken auf ihr hei\u00dfes Gesicht und blieben in den Wimpern h\u00e4ngen. Sie blinzelte, hielt den Hut fest und stakste durch die neu aufgeh\u00e4uften Schneeverwehungen hin\u00fcber in den Schutz des Ladeneingangs. Der Motor des Fiats heulte auf, w\u00e4hrend sie noch nach dem Schl\u00fcssel in ihrer Handtasche suchte. Antonio fuhr los, sie drehte sich nicht um. Das Motorenger\u00e4usch wurde leiser und leiser, und endlich verschluckt vom fallenden Schnee.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; 1. 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