{"id":126,"date":"2018-02-18T15:17:46","date_gmt":"2018-02-18T14:17:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hanna-dunkel.de\/blog\/?page_id=126"},"modified":"2018-02-18T15:17:46","modified_gmt":"2018-02-18T14:17:46","slug":"leseprobe-mordsache-ulsnis","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.hanna-dunkel.de\/blog\/?page_id=126","title":{"rendered":"Leseprobe &#8211; Mordsache Ulsnis"},"content":{"rendered":"<h5>Sonntag, der 2. April 1922<\/p>\n<p>Der Klinkersche Hof<\/h5>\n<p>Katharina Rasch konnte nicht schlafen. Die Taschenuhr auf dem Nachttisch zeigte an, dass es schon kurz vor Mitternacht war. Sie blies die Kerze aus. Ihr Kopf schmerzte, die Gedanken rumorten darin und g\u00f6nnten ihr keine Ruhe.<\/p>\n<p>Der Wind strich um den alten Hof, die Zweige der Linden schabten an der Mauer. Die B\u00e4ume waren viel zu nah ans Haus gepflanzt worden. Sie m\u00fcssten geschnitten werden \u2013 aber das war nicht mehr ihre Sache, darum hatte sich von nun an Helene zu k\u00fcmmern. Katharinas Stiefschwester, die Witwe Helene Schmidt geborene Klinker, w\u00fcrde in der n\u00e4chsten Woche das Erbe antreten.<\/p>\n<p>Helene kam, um auf dem Klinkerschen Hof mit ihren zwei S\u00f6hnen und ihrem zuk\u00fcnftigen Ehemann zu leben, und Katharina musste gehen.<\/p>\n<p>Sie presste die Kiefern zusammen. In ihrem Magen ballte sich die Wut. Morgen w\u00fcrde der Umzug beginnen. An ein Wunder, das dies noch verhindern k\u00f6nnte, glaubte sie nicht mehr.<\/p>\n<p>Der Vater, Hufner Marquard Klinker, war Ende Januar gestorben. So ein alter gro\u00dfer Hof durfte nicht geteilt werden. Das hatte sie von fr\u00fchester Jugend an gewusst. Da der Hof von Helenes Mutter stammte, sollte Helene ihn auch bekommen. Katharina, die Tochter aus zweiter Ehe, erhielt stattdessen nach des Vaters Wunsch die G\u00e4rtnerei, die jetzt noch Helene geh\u00f6rte. Beide T\u00f6chter seien dann gut versorgt, so hatte er sich wohl gedacht. Im Testament war das nicht mehr festgehalten worden, dazu war Vater zu schwach gewesen, aber Helene hatte dem Sterbenden in die Hand versprochen, dass ihre Schwester die G\u00e4rtnerei zu Eigentum haben solle. Zuerst war Katharina mit der Abmachung zufrieden gewesen, doch nun graute ihr davor, nach unten an die Schlei, gleich neben den Wald zu ziehen. Was sollte sie in der Einsamkeit auf der kleinen Katenstelle der Schwester anfangen?<\/p>\n<p>Wenn sie doch fr\u00fcher an dem v\u00e4terlichen Hof Interesse gezeigt h\u00e4tte! Aber sie hatte Lehrerin werden wollen. Dann war ihr Friedrich Rasch begegnet, und sie hatten vor dem Krieg geheiratet. Nach der Scheidung war sie hierher zur\u00fcckgekehrt. Erst nach dem Tod des Vaters hatte sie sich um den Betrieb gek\u00fcmmert und sich mit Hilfe des Verwalters, Nikolaus Schmidt, gut eingearbeitet. So ein Besitztum war wie ein kleines K\u00f6nigreich. K\u00fche, Pferde und das Land waren in der heutigen Zeit mehr Wert als Gold. Anerkennung und Respekt hatte sie sich innerhalb von zwei Monaten bei den H\u00e4ndlern, Nachbarn und den Angestellten des Hofes verschafft. Diese Arbeit erf\u00fcllte sie mit tiefster Zufriedenheit. Das war ihre wahre Berufung. Wenn der Vater das h\u00e4tte erleben k\u00f6nnen, vielleicht h\u00e4tte er sich anders entschieden und ihr den Klinkerschen Hof anvertraut.<\/p>\n<p>Jetzt begann das Fr\u00fchjahr, die Natur war bereit, die Felder mussten bestellt werden. Dar\u00fcber w\u00fcrde von nun an Helene zu bestimmen haben, und ihr Verlobter Karl Matthiesen, aus dem vermutlich nie ein guter Bauer werden w\u00fcrde. Im Krieg war er Feuerwerksleutnant gewesen und hatte erst im letzten Jahr seinen Dienst quittiert. Wie sollte der so einen Hof f\u00fchren k\u00f6nnen. Aber ihre Schwester hatte ja nie ihren Kopf entscheiden lassen, nur das Herz \u2013 oder eine Stelle, die ein St\u00fcck tiefer zu finden war.<\/p>\n<p>Katharina stand auf und tappte ans Fenster, sp\u00e4hte in die dunkle Nacht hinaus und k\u00fchlte ihren hei\u00dfen Kopf an der Scheibe. Ein bisschen Mond war noch, sonst konnte sie kein Licht sehen. Nur der Pferdestall gegen\u00fcber und das m\u00e4chtige Geb\u00e4ude zur Linken, das als Scheune und Kuhstall diente, waren noch schw\u00e4rzer als der Himmel.<\/p>\n<p>Ihre Blicke versuchten die Dunkelheit zu durchbohren. Sie stand und starrte hinaus, bis die K\u00e4lte, die von den Dielen emporstieg, sie wieder ins Bett trieb.<\/p>\n<p>Sie knetete und rieb ihre eiskalten F\u00fc\u00dfe. So konnte sie erst recht nicht einschlafen. Katharina z\u00fcndete die Kerze an, zog die Schublade am Nachttisch auf und fand das Aspirin. Sie sch\u00fcttete etwas in ein Glas, goss Wasser aus dem Krug, r\u00fchrte um, bis sich das Pulver aufgel\u00f6st hatte. Ohne abzusetzen schluckte sie das nach Essig schmeckende Getr\u00e4nk hinunter. Dann l\u00f6schte sie die Kerze, legte sie sich hin und wartete darauf, dass das Mittel seine Wirkung tat.<\/p>\n<p>Im September w\u00fcrde sie drei\u00dfig werden. Was konnte sie noch vom Leben erwarten? Einzig, dass sie am Ende doch den Wald bekommen hatte, war ein kleiner Triumph. In der letzten Woche hatte sie mit ihrer Schwester um den Wald gestritten. Den hatte noch Helenes gefallener Mann gekauft. Somit geh\u00f6rte er zur G\u00e4rtnerei, und damit war es jetzt Katharinas Wald. Helene war anderer Meinung gewesen, bot ihr an, sie k\u00f6nne so viel Holz schlagen, wie sie zum Brennen ben\u00f6tige. Darauf war sie nicht eingegangen. Am Ende hatte Helene nachgegeben und gesagt, es sei ihr einerlei mit dem Wald, sie, Katharina, sei der reinste Advokat.<\/p>\n<p>Katharina l\u00e4chelte und lauschte nach drau\u00dfen. Aber nur der Wind und die Zweige waren zu h\u00f6ren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sonntag, der 2. April 1922 Der Klinkersche Hof Katharina Rasch konnte nicht schlafen. 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